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MONIKA MENDAT
"POST IT IN SPACE"

Ein großes Kunstereignis in diesen Zeiten der Pandemie ist die bezeichnender Weise digitale Eröffnung der Retrospektive von Yayoi Kusama im Gropius Bau in Berlin, mit dem schönen Titel "A Bouquet of Love I Saw in the Universe". Im Mittelpunkt der Außtellung steht ein Werk von 1965, der "Infinity Mirror Room". Der Raumeindruck eines unendlichen Universums ist überwältigend. Denn die menschliche Fantasie ist so eingerichtet, daß schon das Medium der Tafelmalerei in der Außchnitthaftigkeit von Gemälden die kosmische Welt zu evozieren in der Lage ist. Und jetzt erleben wir wieder auf eine vergleichbar faszinierende Weise in den Acrylbildern von Monika Mendat durch die Außtellung unter dem Titel "Post it in Space", wie wir Betrachter ihrer Werke mittels schlichter geometrischer Gebilde - Quadrate, Ringe und Kreise, Kugeln und Sphären - vor einem tiefblauen Hintergrund in die Tiefe eines Raumes driften können, der als ein kosmischer aßoziierbar und damit wahrnehmbar wird. Das paradoxe Spiel mit der Wahrnehmung, auf der ausgewiesenen Fläche eines Kartons in ein starkes Raumerlebnis gezogen zu werden, von der Zweidimensionalität also in eine Dreidimensionalität, und dies ohne die elektronischen Mittel etwa einer 3D-Animation, nämlich in der puren Handwerklichkeit der mit dem Pinsel malenden Künstlerin, ist vom Titel der Außtellung gut erfaßt; die linear begrenzte Bewegung des Versendens, Aushängens, Buchens, die das englische "to post" beschreibt, trifft auf das Unbegrenzte von "space", eines unendlichen Raumes.

So lenkt eines dieser Post-it-Bilder, das Tryptichon mit dem Bildtitel "Interstellar Expedition" der drei großformatigen Bildteile den Blick auf zwei Quadrate, als sei die Perspektive auf entfernte Galaxien gerichtet. Vor dem leuchtend marinblauen Hintergrund – blauer als jedes in der Wirklichkeit wahrnehmbare kosmische Dunkel- und Schwarzblau – sind somit drei verschiedene Raumtiefen konstruiert, die sich auswirken wie drei parallele Ausblicke. Zwar ist die paradoxe Gleich- und Verschieden-Räumlichkeit irritierend, doch tatsächlich raumstiftend, ohne plastische Gebilde etwa die Darstellung von Raumschiffen oder Satelliten zu benötigen. Es ist verblüffend, wie die Künstlerin mit den flächigen Elementen verschieden schmaler Ringe, filigranen Kreiszeichnungen und durch ihre Schräglage als navigierend verstandenen Quadrate eine für den Betrachter packende Raumillusion auf dem Karton schafft, ohne irgendeine Spur von Simulationen. Egal, wie diese geometrischen Elemente von uns Betrachtern gelesen werden - in symbolischer oder allegorischer Zuordnung, als philosophische Theodizee oder durch die rechteckige, durch den Menschen gemachte mathematische Form als ein gewißermaßen menschlich kalkuliertes Vordringen in diesen Raum der Fläche - die künstlerische Komposition der Struktur ist in dieser Erscheinungsform entscheidender als die hermeneutischen Deutungen. Denn zuerst einmal ist das Phänomen der im Wortsinn aus dem Rahmen gefallenen Verfahrensweise der Malerin bildnerisch analysierend zu klären.

An der im Katalog aufgeführten Arbeit mit dem Titel "Utopia I" läßt sich freilich die strukturelle Analyse auf die inhaltliche Zielsetzung beziehen. Der Titel ist erstaunlich in Anbetracht der durch ihre Gestaltung ausgelösten Anmutung eines unbegrenzten und durch Quadrate, Rechtecke und Kreise kaum definierten Raums, da er die Widmung "für Thomas Morus" trägt, was auf den ersten Blick nicht selbsterklärend ist. Doch nicht die Konnotation von Utopie als fiktive, nicht einzulösende Lebensform scheint von Monika Mendat in ihrer Widmung gemeint, sondern jenes Utopische, das sich auf eine ferne Weltgegend richtet - bei ihr der ganze Weltraum. In dieser positiven Einfärbung des Utopischen wird dann auch Blau zu einer warmen, heimischen Farbe, so wie das berühmteste Blau der Kunstgeschichte, das in den monochromen Bildern von Yves Klein eine magisch anziehende Kraft verströmt. Die überwältigende Strahlkraft von Kleins reinen Pigmenten ist bei Monika Mendat ganz anders erreicht, in der Zusammenwirkung ihrer Acrylmalerei und der Raum herbeizaubernden Geometrie, die so treffsicher sich zur Komposition fügt, daß - wie ich zu behaupten wage - die von ihr ausgelöste Wucht der Farbe Blau nach Yves Kleins Schaffen von wenigen ihrer Künstlerkollegen erreicht wurde. In der Moderne der Malerei war ja die Setzung der Farbe Blau dominiert von der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter", die Blau verwendeten als Symbol für Spiritualität und Ewigkeit. Die zeitgenößische Malerei kennt Künstler, die sich in besonderer Weise mit Blau auseinandersetzten und insofern zu den wenigen gehören, die die Obseßion von Yves Klein fortsetzten, wie eben Monika Mendat.

So paradox sich das ausnimmt, sie findet in diesen Bildern des Navigierens in den Weltraum im Medium der Tafelmalerei ihre eigene Heimat und - wie sie es ausdrückt - sie "beamt" sich hinein in den idealen Welten-Raum ihrer Acrylmalerei. Die frühere Heimat hat Monika Mendat verlaßen, als sie Ende der 1970er Jahre mit ihren Eltern von Polen nach Deutschland floh. Doch wie wir in ihren Bildern sehen, ist Heimat für sie kein geographisch definierter Fixpunkt, sondern die Verabredung zu einer gemeinsamen Reise in die Freiheit, dies im Medium abstrakter Malerei, die sie mit einer außergewöhnlichen Körperlichkeit und Sinnlichkeit erfüllt. Anläßlich der großen Retrospektive 2008/9 von Waßily Kandinsky unter dem Titel "Absolut-Abstrakt" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus hatte die Münchner Preße getitelt: "Er hat München zum Mekka der Abstraktion gemacht". Doch wurde die Tradition der gegenstandslosen Malerei nicht so fortgesetzt, daß hier ein diesbezügliches Mekka entstanden wäre. Einzig die 1977 gegründete Autoren Galerie 1 hat die geometrische, abstrakte Malerei immer wieder programmatisch aufgegriffen, und zwar sowohl im Werk von Helmut Vakily, seines Betreibers, als auch durch seine Schüler und Schülerinnen. Es ist daher sehr erfreulich, daß mit Monika Mendat eine solche Schülerin in dieser Außtellung unter dem Titel "Post it in Space" für diese Stilrichtung von neuem eine Tür geöffnet hat - auf höchstem künstlerischen Niveau!



Dr. Elmar Zorn, München, 2021

Der Autor, geboren 1945, ist Publizist und Außtellungskurator, Er studierte Kunst und Literaturgeschichte in München und Rom, promovierte mit einem Stipendium der Studienstiftung, war lange im Kulturreferat München tätig, leitete die Wiener Festwochen und das Kunstprogramm der Bundesgartenschau 2001 in Potsdam, gründete das Netzwerk "Art in Nature" in Paris und Berlin, den "Münchner Klaviersommer", die "Société lmaginaire" in Buenos Aires und Washington, sowie Sprecher der internationalen Arbeitsgemeinschaft "Curatorial Partners".